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Quarantäne & Minimalismus

In Quarantäne war ich bisher einmal, damals im Ferienlager. Wir waren zu zweit in einem Zimmer innerhalb des kleinen Medizinholzhauses, etwas weiter vom Schuss und den übrigen Gebäuden. Meine Freundin und Mitpatientin hatte Läuse, weswegen ich drin war weiß ich gar nicht mehr, ich glaube ich bin einfach nur mitgekommen, gegen das Alleinsein meiner Freundin.

 

Es gab keine Handys und kein Internet, draußen war 1990, ein baltischer schöner Hochsommer und wir waren von Pinien und Fichten umgeben. Wir haben gequatscht, philosophiert, Stunden aus dem Fenster gestarrt, saßen draußen vor der Tür auf den aufgewärmten Stufen und haben die zwei Kinderzeitschriften und Jugendbücher die wir hatten, mehrmals hin und rück gelesen. Uns ging es gut und wir haben die Zeit genossen! Sogar mehr als die Zeit in den großen Schlafsälen mit allen anderen Kindern und Programm drum herum.

 

An persönlichen Sachen hatten wir unsere Zahnbürsten, Haarbürsten und, ich glaube, einfach nur ein bis zwei Wechsel T-Shirts und Unterwäsche. Und es war absolut genug und mehr als das.

 

Passt es also zusammen, Quarantäne und Minimalismus? Absolut und noch viel mehr als das. Meine Freundin K., die immer damit beschäftigt ist von A nach B nach C zu fahren und so viele Unternehmungen wie möglich in einen Tag zu packen findet es furchtbar und fühlt sich natürlich eingeschränkt.

 

Ich bin entspannt solange ich raus an die frische Luft und mich zumindest draußen bewegen kann. Bei aller Problematik bietet die Abschottung der Situation tatsächlich mal die Möglichkeit zu Achtsamkeit – einer die nicht abgelenkt ist durch den Alltag und nicht als Todo Nummer 37 auf die Liste reingequetscht wird, und natürlich auch zum Ausmisten und Entrümpeln.

 

Geh einmal durch die Wohnung und schau dich um – wie viele Dinge springen dir entgegen? Wie viel davon ist eigentlich über, unnötig, unnütz, steht seit Jahren einfach nur da und sammelt Staub?

 

…wie wäre es mit einem Quarantäne spiel?

 

Wenn du einen Keller hast, bringe doch einfach mal alle Dinge, die dich stören dort hinunter, schick sie, wenn du so willst in eine eigene Freiraumquarantäne. Für 14 Tage, sowie in unserem Leben derzeit auch. Nach Ablauf dieser Zeit kannst du eine Neubetrachtung vornehmen und über den weiteren Verbleib einfach mal neu entscheiden.

 

Schlafzimmer

Für einen erholsamen Aufenthalt hier brauchst du nichts weiter als dein Bett. Ganz ehrlich nicht. In unseren Breitengraden kommt zumeist noch Kleidung dazu. Je mehr Platz du hast, je weniger einzelne Details deine Augen und deine Sinne zu erfassen haben, desto größer und nachhaltiger ist der Erholungsfaktor – ob nun beim Schlafen oder einfach mal mit einem Buch zurückziehen und verweilen. Was wäre, wenn du hier nur noch Bett, deine Lieblingskleidung und ggfs. Noch frische Bettwäsche verstaust und alles andere für eine Zeit verbannst? Wäre es nicht verrückt ein Zimmer zu betreten, dessen Frische und Freiraum dich sofort zum Lächeln bringt?

 

Das Bad

Mit wie vielen Tiegeln, Stiften, Bürsten, Cremes und weiteren Zeugs teilst du dir hier deinen Raum? Haben sie alle wirklich eine Daseinsberechtigung? Sind sie nötig? Halten die Produkte ihre Zusagen und Werbeversprechen? Machen sie dich glücklicher, schöner, schlanker, strahlender? Verbanne auch hier alles was nicht täglich nötig ist einmal in eine Kiste und schau wie du dich fühlt. Mach ein Quarantäne Experiment – 14 Tage ausschließlich mit den Basics. Und Den Rest holst du dann wieder nach und nach – immer dann, wenn du es wirklich brauchst, bitte nicht schon vorher aufstellen.

 

Wohnzimmer

Gemütlich sitzen, vielleicht was spielen, lesen, mal einen Film schauen. Reicht im Grunde, oder? Hast du noch mehr? Aus welcher Kategorie und wenn ja, wie viele? Wenn die Menge der Bastelsachen so groß ist, dass du erst ein System und Ordnung schaffen musst bevor überhaupt dran zu denken ist mit deinen Kindern was zu basteln… ja, dann läuft definitiv was falsch. Befreie dich von den Sachen, zumindest experimentell von einer Kategorie und ich bin mir absolut sicher, du wirst wieder in Lage sein, Freude am Prozess und den verbliebenen Sachen zu empfinden.

 

Küche

Standest du abends schon mal in einer unordentlichen Küche und warst alle, und absolut genervt, weil es an dem Tag bereits das zweite oder dritte Mal Küche-machen war? Ja? Hattest du das mehr als einmal? Auch ja? Warum tust du dir das an? Nur weil es üblich ist 6 bis 12 Teller pro Haushalt zu haben, heißt es noch lange nicht, dass du dem folgen musst. Bring alles raus was nicht niet- und nagelfest ist. Und dann erlaube dir auch hier mal zwei Wochen Basics. Eine Pfanne wäscht sich definitiv schneller ab als drei, nicht wahr?

 

Kinderzimmer

Ganz ehrlich? Lass es. Lass die Kinder machen was sie wollen und lass ihnen die Abwechslung wenn die Schule zu ist und vieles nicht mehr geht. Es sei denn, sie wollen mitziehen, dann ist auch hier einfach rumexperimentieren und ein Gang in den Keller angesagt. Legt den Fokus auf was darf bleiben statt auf was-soll-gehen. Diese Betrachtung wird positiver wahrgenommen, macht mehr Spaß und motiviert weiterzumachen.

 

Und wenn du keinen Keller hast? Ein Dachboden, ein Abstellraum, gut verstaute Stapel oder gar ein Kofferraum tun es für die Quarantäne vielleicht auch.

 

Ansonsten ist eine weitere, gute Möglichkeit für diese Zeit - Photos aussortieren und digitales minimalisieren.

 

Bei den Bildern ist es zwar einerseits schwer und dauert lange, ist aber im Grunde rabiat einfach – welche Bilder sollen einmal bleiben, wenn du nicht mehr bist? Aus welchen Gründen auch immer. Welche Bilder würdest du am Ende deines Lebens nochmal durchschauen wollen? Welche Momente sind dir wichtig? Doch sicherlich nicht die 20 Versionen einer Eiskugel auf deinem Esstisch, oder?

 

Und auch bei den Dateien und Musik ist es im Grunde ähnlich. Was spielt tatsächlich eine Rolle? Was ist wichtig, unverzichtbar und absolut notwendig für dein funktionierendes Leben. Was nutzt und hörst du/siehst du dir regelmäßig an? Und was behältst du nur aus Gewohnheit? Aus einem falschen „brauche ich vielleicht doch irgendwann einmal“? Nur weil Dateien keine Schränke und Regale füllen, heißt es noch lange nicht, dass sie nicht ein merkliches Gewicht für unser da sein haben. Dein Unbewusstes weiß genau, was und wo du beibehältst. Die Bewerbung von 2004? Eine Workshop PDF aus 2007? Rezepte aus Schultagen? Natürlich kann es sein, dass du sie dir nochmal ansehen möchtest, klar. Aber mal ehrlich, wie oft kam es bisher vor? Und wie oft hast du davon tatsächlich profitiert? Und was wäre das aller-aller schlimmste was passieren würde, wenn du sie löschst und doch noch mal gebrauchen hättest können?

 

Mach doch auch hier eine Art Quarantäne. Ob nun auf dem Handy oder auf deinem Rechner:

Ein Ordner für die Dinge die bleiben, einen anderen mit Namen „löschen auf Probe“ oder „Keller“, „Quarantäne“ oder irgendein beliebiges Wort. Und dann packe alles rein, was du nicht nutzt, nicht zwangsweise auf Fristengründen brauchst und von dem du gar nicht mehr wusstest das du es besitzt. Schau dir einmal an wie viel Kapazität und Speicherplatz der Inhalt einnimmt. Nimm auch hier als zentrale Frage „Was möchte ich behalten“ Und als Hilfsfrage das „warum“ und „wie“ Warum habe ich das? Warum hier? Warum solange, wie oft nutze ich es, wie wichtig ist es mir…. Und später, nach einer Zeit, gehst du einfach auf löschen und bist davon befreit dich jemals wieder um diese Dinge kümmern zu müssen. Stell dir das einmal bildlich vor, ist das nicht ein absolut befreiendes Gefühl?

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